Die Buchhändlerin geht erst einmal auf Reisen – Teil1

So steht es noch an der Tafel des Fahrradständers vor dem ehemaligen Standort der Buchhandlung Wandlitz in der Prenzlauer Chaussee 167. Mittlerweile hat das Restaurant Mr. Dinh die Räume übernommen und der Alltag im Ort geht weiter.

Für mich, Melanie Brauchler, die ehemalige Inhaberin, war die Vorstellung, trotz Mangel an finanziellen Reserven, sofort in einen Angestelltenjob zu wechseln, sehr schwierig. Nicht nur die Erkenntnis, dass Buchhandlungen nicht aufgrund schwindender Kunden, sondern aufgrund der anfallenden Kosten heutzutage nicht mehr ohne Nebeneinnahmen überleben können, sondern auch die mentale Erschöpfung, schickten mich geradezu in eine Auszeit.

 

Von der Idee zum Aufbruch

 

In den letzten Jahren haben mir meine lächerlich kurzen Ausflüge (manchmal stundenweise) mit meinem ausgebauten Transporter in die Schorfheide am meisten Kraft für den Alltag gegeben. Was würde wohl ein längerer Tripp mit mir machen. Durch Zureden meiner Familie wurde aus der Idee, ein bewusst planloser Aufbruch. So ganz geht das nicht, die Abwicklung des Ladens wird noch Monate in Anspruch nehmen, aber dank meines unglaublich großartigen Freundeskreises, kann ich das auch von unterwegs bewältigen. Nach kleineren Umbauten machten wir uns, mein Hund Snoopy und ich, auf eine Reise ins Unbekannte. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Es gab eine Sehnsucht nach bestimmten Personen und auch nach Orten aber nichts muss, alles kann. So kam es rein zufällig zu einer ersten Übernachtung in Weimar. Und wo ich schonmal einen Übernachtungsparkplatz direkt im historischen Stadtkern gefunden hatte, machte ich mich auf, den Ort zumindest kurz zu erkunden und natürlich auch nach Buchhandlungen Ausschau zu halten. Zu meinem Erstaunen, ist Weimar damit gut bestückt. Im Stadtkern tatsächlich fünf davon. Um zu erfahren, wie das möglich ist, suchte ich das Gespräch mit den Mitarbeitern der Eckermann Buchhandlung und der Knabe Verlagsbuchhandlung. Ich erfuhr im ersten Fall, dass sie Kooperationen mit Kulturvereinen haben, die einige Kosten auffangen und eine obere Etage nur für Lesungen und die Räumlichkeiten auch regelmäßig für einen Literaturbrunch nutzen, bei dem die Angestellten ihre aktuell entdeckten Perlen vorstellen. Das ist viel Arbeit für das vierköpfige Team. Herr Knabe hingegen hat sein Personal vor kurzem entlassen müssen und versucht sich, mit seinem eigenen Verlag über Wasser zu halten.

 

Was mir beim weiteren Spaziergang durch Weimar allerdings auch auffiel, war nicht nur der offensichtliche Bezug zu Goethe und Schiller, die natürlich ständig präsent sind, sondern die großflächige Werbung für jegliche Art von Kulturveranstaltungen und die Liebe zum Detail an allen Ecken und Enden, ohne den ursprünglichen Charakter eines historischen Ortes zu zerstören. Ich habe mich sofort eingeladen gefühlt.

Erster Halt Weimar, Bildnachweis: Melanie Brauchler
Snoopy geht natürlich mit auf die Reise, Bildnachweis Melanie Brauchler
Die Buchhändlerin mit Reisebegleitung, Bildnachweis: Melanie Brauchler

Die Recherche hat sich aber auch wieder nach Arbeit angefühlt, daher führte meine Reise mich weiter zu einer langersehnten Freundin. Wir haben uns vor 16 Jahren auf einer Mutter-Kind-Kur kennengelernt und nicht mehr losgelassen. Zwei komplett überforderte Mütter, die dem Wahnsinn des Lebens nur noch mit Humor und Portwein begegnen konnten. Eine weitere Gemeinsamkeit, war unser identisches Bücher- und CD Regal. Sowas gab es damals noch. Bei einem meiner ersten Besuche an ihrem Wohnort in der Pfalz, habe ich mich sofort in dieses gar nicht so kleine Dorf Schifferstadt verliebt. Kleine Gassen, kleine Lädchen mit handgefertigten Produkten und auch eine kleine Buchhandlung. Zu diesem Zeitpunkt war an eine Selbständigkeit bei mir noch nicht zu denken und auch meine Freundin war noch nicht bereit, beruflich neue Wege zu gehen. Die Unzufriedenheit über unsere Arbeit war aber das prägnante Thema. Erst nach sehr deutlichen Signalen unserer beiden Körper, haben wir unser Leben auf den Kopf gestellt. Sie ist jetzt Schulsekretärin. Der Wahnsinn des Tages hat sich sogar noch verstärkt aber der Umgang damit ist für sie, genau wie für mich, ein positiver Stress.

 

Die anstehenden unplanbaren Probleme des Tages zu lösen, machen uns glücklich. Verrückt, aber wir können es nicht leugnen: unsere neuen, sehr arbeitsintensiven Jobs erfüllen uns mit Freude und das merkt man unserer Arbeit an. Leider ist auch Schifferstadt dem demographischen Wandel zum Opfer gefallen. Die Läden und Häuser stehen leer. Erschreckend trostlos wirkt der Ort jetzt. Die Buchhandlung gibt es noch, wurde aber von Hugendubel übernommen. Ein kurzer Abstecher in die naheliegende Stadt Speyer zeigte das ganze Gegenteil. Eine blühende Universitätsstadt, in der das Leben tobt. Und wie sieht es dort mit den Buchhandlungen aus? Zwei Buchhandlungen haben sich vor kurzem zusammengetan, da das komplette Personal bereits über 60 Jahre alt ist und den zeitlichen Bedürfnissen einer Buchhandlung nicht mehr gerecht wird. So wurde ein Standort aufgegeben und das jetzt siebenköpfige Team teilt sich den Arbeitsalltag. Die Speyrer Buchhandlung selbst war nicht sehr voll bestückt, daher stellte sich mir die Frage nach der Bezahlung eines so großen Teams in einem relativ kleinen Laden. Die Antwort: Der Großteil des Umsatzes wird nicht im Geschäft gemacht, sondern mit der Auslieferung an die Bibliotheken und Universitäten und mit der kostenlosen Nutzung der örtlichen Veranstaltungssäle für die Lesungen. Die Werbung dafür wird von der Stadt übernommen. Das lassen wir für heute mal so stehen.

 

Buchbesprechung: John Irving, Königin Esther

Unterstützung

Eine Reisekostenspende wird gern per paypal CharlieBrownOnTour@gmail.com angenommen. Das Restguthaben wird nach der Rückkehr in das neue Buchhandlungscafè investiert.

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Buchladen in Weimar, Bildnachweis: Melanie Brauchler
Viele Buchläden in Weimar, Bildnachweis: Melanie Brauchler
Viele Buchläden in Weimar, Bildnachweis: Melanie Brauchler



Verfasser:in:
Melanie Brauchler, ich lebe Bücher auch von unterwegs, Fortsetzung folgt

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