Wandlitz tagt weiter – und verpasst den Moment für Menschlichkeit
Vier junge Menschen sind gestorben. Vier Familien, deren Welt nie wieder dieselbe sein wird. Freundeskreise wurden auseinandergerissen. Mitschülerinnen und Mitschüler müssen begreifen, dass Menschen, mit denen sie vielleicht noch vor wenigen Tagen gelacht, geschrieben und Pläne geschmiedet haben, nie wiederkommen werden. Eine der Verstorbenen war Schülerin in Wandlitz.
Am Wandlitzer Gymnasium herrschte Fassungslosigkeit. Der Unterricht wurde vorzeitig beendet, ein Kriseninterventionsteam aus neun Psychologinnen und Psychologen unterstützte Betroffene im Barnim. Jugendliche, Eltern und Lehrkräfte mussten mit einer Tragödie umgehen, deren Ausmaß sich kaum in Worte fassen lässt. Mehr als tausend Menschen kamen in Bernau zu einer Gedenkveranstaltung zusammen. Die Anteilnahme zeigt, wie tief dieser Verlust Menschen erschüttert hat und wie groß das Bedürfnis nach Zusammenhalt und gegenseitiger Unterstützung ist.
Und während so viele Menschen versuchten, mit diesem Verlust umzugehen, tagte die Gemeindevertretung in Wandlitz.
Ein Geschäftsordnungsantrag, die Sitzung aus Pietätsgründen zu vertagen, wurde mit gerade einmal sieben Ja-Stimmen abgelehnt. Statt gemeinsam innezuhalten und darüber nachzudenken, ob politische Sachentscheidungen an diesem Abend wirklich Vorrang haben sollten, nahm ich Sätze wie:
„Das Leben muss ja weitergehen“ und „Ja, es ist traurig, aber der Bürgermeister hat ja ganz gute Worte gefunden.“ wahr. Anschließend ging es weiter mit Siedlungsentwicklung, Bauthemen und Beschlussvorlagen.
Als wäre es ein gewöhnlicher Sitzungsabend.
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was mich daran mehr wütend macht: diese Aussagen selbst oder die Selbstverständlichkeit, mit der offenbar davon ausgegangen wurde, dass eine Schweigeminute ausreicht, um anschließend zur Tagesordnung zurückzukehren. Natürlich muss das Leben weitergehen. Aber es gibt einen Unterschied zwischen dem Weiterleben und dem gedankenlosen Weitermachen. Eine Schweigeminute kann ein wichtiges Zeichen des Gedenkens sein. Sie ist aber kein Freibrief, danach so zu tun, als wäre nichts geschehen.
Als der Antrag abgelehnt wurde, stand ich vor einer Entscheidung: bleiben und weitermachen oder aufstehen und gehen. Ich bin gegangen. Ich konnte und wollte mich nicht einfach wieder hinsetzen und so tun, als wäre für mich alles in Ordnung. Für mich war eine Grenze überschritten. Ich wollte
nicht durch meine Anwesenheit den Eindruck vermitteln, dass ich es für angemessen halte, nach einer solchen Tragödie ohne Weiteres zur politischen Tagesordnung überzugehen.
Wir leben offenbar in zwei verschiedenen Welten.
In der einen Welt stehen Jugendliche unter Schock, trauern um Gleichaltrige und müssen versuchen, einen Verlust zu begreifen, für den es kaum Worte gibt. Eltern versuchen, ihre Kinder aufzufangen. Freundeskreise und Schulklassen müssen einen Weg finden, mit dem Unfassbaren umzugehen. In der
anderen Welt wird erklärt, dass das Leben weitergehen müsse, und die nächste Beschlussvorlage aufgerufen.
Dieser Gegensatz ist für mich unerträglich. Nicht, weil politische Arbeit grundsätzlich warten muss, sobald etwas Schreckliches geschieht. Und auch nicht, weil eine vertagte Sitzung irgendetwas an der Tragödie geändert hätte. Sondern weil es Momente gibt, in denen wir entscheiden müssen, was
gerade wirklich wichtig ist. Ein Beschluss kann eine Woche später gefasst werden. Das Signal, das wir an diesem Abend gesendet haben, lässt sich nicht einfach nachträglich korrigieren.
Empathie ist kein Tagesordnungspunkt. Anteilnahme ist keine Pflichtübung. Und Anstand endet nicht mit einer Schweigeminute.
Wir wissen nicht, wer an diesem Abend selbst betroffen war, wer Angst hatte, wer reden wollte oder einfach jemanden gebraucht hätte, der zuhört. Wir wissen auch nicht, wer Unterstützung benötigt, aber nicht die Kraft oder den Mut aufbringt, aktiv danach zu fragen. Gerade deshalb hätte eine Vertagung ein Zeichen sein können: Wir haben verstanden, dass dieser Abend kein gewöhnlicher Abend ist. Wir nehmen die Menschen ernst, die von dieser Tragödie betroffen sind. Und wir sind bereit, unsere eigenen Abläufe für einen Moment zurückzustellen, wenn Menschlichkeit es verlangt.
Besonders bitter ist das, weil wir gerade jetzt in der Kommunalpolitik viel über Beteiligung, Verantwortung und die Bedeutung sprechen, junge Menschen ernst zu nehmen. Wir erwarten von Jugendlichen, dass sie sich einbringen, Verantwortung übernehmen und sich für ihre Gemeinde interessieren. Doch was sollen sie von uns halten, wenn ihre Lebensrealität und ihre Trauer in einem solchen Moment hinter dem politischen Alltag zurückstehen?
Wer junge Menschen für Demokratie und Beteiligung gewinnen möchte, muss ihnen zeigen, dass Politik mehr ist als Beschlüsse, Bauvorhaben und Sitzungskalender. Sie muss sich gerade dann bewähren, wenn es darauf ankommt. Demokratie lebt nicht nur davon, dass Menschen ihre Stimme
abgeben oder sich in Gremien engagieren. Sie lebt auch davon, dass wir einander wahrnehmen, Verantwortung übernehmen und bereit sind, unser Handeln zu hinterfragen.
Eine Gemeinde ist schließlich nicht nur eine Ansammlung von Baugebieten, Verwaltungsakten und politischen Entscheidungen. Sie besteht aus Menschen, aus Kindern und Jugendlichen, Eltern und Familien, Freundeskreisen und Nachbarschaften. Sie besteht aus Menschen, die füreinander da sein sollten – gerade dann, wenn das Leben von einer Sekunde auf die andere aus den Fugen gerät.
An diesem Abend hätten wir als Gemeindevertretung zeigen können, dass wir das verstanden haben. Stattdessen wurde entschieden, die Sitzung fortzusetzen. Ich schäme mich für dieses Signal. Nicht, weil eine Vertagung die Tragödie ungeschehen gemacht hätte, sondern weil ich finde, dass unsere Verantwortung als Gemeindevertreter weit über das Abstimmen über Beschlussvorlagen hinausgeht.
Ich bin wütend und enttäuscht, weil ich mir gewünscht hätte, dass wir in diesem Moment gemeinsam erkennen, dass es Wichtigeres gibt als den gewohnten Ablauf einer Sitzung.
Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen, Freundinnen und Freunden, Mitschülerinnen und Mitschülern und allen Menschen, die von dieser Tragödie betroffen sind. Ich wünsche ihnen Kraft, Menschen, die zuhören, und den Raum, den sie brauchen, um zu trauern.
Vier junge Menschen sind gestorben. Die Sitzung ging weiter.
Wir sollten uns ernsthaft fragen, was dieser Abend über unsere Prioritäten aussagt. Denn manchmal zeigt sich der Charakter einer Gemeinschaft nicht darin, was sie beschließt, sondern darin, wann sie bereit ist, damit aufzuhören.

Verfasser:in:
Mario Schlauß, Die PARTEI
