Querung der Schleusentore in Zerpenschleuse:
Sie ist nicht geplant, aber ein Wunsch vieler Anwohner:innen und Gäste. Verbandsvorsteher Adolf-Maria Kopp vom Zweckverband Region Finowkanal und Marco Scafaro diskutieren Möglichkeiten und Grenzen von Infrastrukturprojekten
Es ist ein klassisches Dilemma der Kommunalpolitik: Auf der einen Seite steht die Vision einer lebendigen, barrierefreien Tourismusregion; auf der anderen Seite die Realität von Paragrafen und Verkehrssicherungspflicht. Aktuell wird über geplante Schleusentorquerungen in Zerpenschleuse und Heegermühle sowie die dortigen Umtrageplätze im Zweckverband Region Finowkanal diskutiert.
​Während der Verbandsvorsitzende Adolf-Maria Kopp aus verkehrssicherungstechnischer Sicht erhebliche Bedenken anmeldet und das Vorhaben aufgrund der strengen Sicherheitsauflagen für kaum machbar hält, versuche ich als Kommunalpolitiker konstruktive Lösungsansätzen einzubringen: Was anderswo in Deutschland unter strengsten Sicherheitsauflagen gelingt, muss auch am Finowkanal möglich sein – wenn man historische Tradition mit moderner Steuerungstechnik kreuzt.
​Das Prinzip „Löwengang“: Maximale Sicherheit auf dem Tor
​Das Fundament für eine rechtssichere Lösung bildet das im Wasserbau bewährte Prinzip des signal- und schrankengesteuerten Fußgängerstegs – umgangssprachlich oft als „Löwengang“ bezeichnet. Entgegen der Annahme, eine solche Querung sei unzuverlässig, zeigt die Praxis, dass die strikte Trennung von Mensch und Maschine technisch absolut zuverlässig steuerbar ist.
Das System funktioniert über eine automatisierte Sicherheitskette, die keinen Spielraum für menschliches Versagen lässt:
Der mechanische Verschluss: Erst wenn die Schleusentore ganz geschlossen und mechanisch fest verriegelt sind, gibt die Steuerungssoftware das Signal frei.
​Die Zugangskontrolle: Automatische Schranken und Ampelanlagen an den Uferseiten öffnen sich erst nach dieser Verriegelung. Der Weg ist durch hohe, feste Geländer und Gitter eingehaust (der „Löwengang“), ein Absturz oder ein Verlassen des Weges ist ausgeschlossen.
​Die Räumungsüberwachung: Bevor sich die Tore für ein Schiff wieder öffnen, wird der Verkehr gesperrt. Moderne Sensorik, Lichtschranken oder Kameraüberwachungen stellen zweifelsfrei sicher, dass sich keine Person mehr auf dem Steg befindet. Erst dann schwenkt das Tor samt Käfig auf.
​Blick über den Tellerrand: das genormte Modell nach DIN EN ISO 13849 für sicherheitsbezogene Teile von Steuerungen ist genehmigungsfähig, das beweisen prominente Beispiele in ganz Deutschland: wie ​Schleuse Regensburg (Donau), hier wurde eine Torquerung mitten im städtischen Raum realisiert. Ein Computer steuert Schranken und Ampeln vollautomatisch. Fußgänger und Radfahrer nutzen das Schleusentor täglich als sichere Abkürzung, ohne dass eine teure Großbrücke gebaut werden musste. Auch in Neckarzimmern (Neckar) dient der Betriebsweg auf dem Tor erfolgreich als offizieller, gesicherter Übergang für den Radwanderverkehr. Oder in ​Großschleusen am Nord-Ostsee-Kanal (Kiel-Holtenau & Brunsbüttel) wo das Prinzip der eingehausten Schiebetore seit Jahrzehnten für das Personal und teilweise für Besucher genutzt wird.


Brandenburgs Tradition als Steilvorlage
​Wir können auch ein historische Argument anführen, denn direkt vor Ort am Finowkanal ist die Torquerung kein Fremdkörper, sondern Teil der DNA der ältesten noch schiffbaren künstlichen Wasserstraße Deutschlands. ​An historischen Handbetrieb-Schleusen wie Kupferhammer oder Heegermühle gehörten schmale Holz- oder Metallstege auf den Stemmtoren schon immer zum Bild. Was früher der Schleusenwärter manuell oder per Kette absicherte, kann heute durch moderne Signaltechnik ins 21. Jahrhundert überführt werden.
Fazit: Machbar durch Innovation
​Die Bedenken bezüglich der Verkehrssicherungspflicht sind verständlich und schützen den Verband vor Haftungsrisiken. Doch ich halte die Querung für technisch machbar durch intelligente, moderne Investition.
Die geplanten Querungen in Zerpenschleuse und Heegermühle sind schlüsselfertige Bausteine für den Wassertourismus im Barnim. Wenn es gelingt, die Bedenken der Verwaltung mit den praxiserprobten Sicherheitsarchitekturen aus Regensburg oder vom Neckar zu entkräften, gewinnt die gesamte Region Finowkanal.
Mein Dialog mit dem Verbandsvorsteher Adolf-Maria Kopp zeigt, wie wichtig diese Detailarbeit für eine rechtssichere und zukunftsweisende Kommunalpolitik ist, die auch die Wünsche und Bedürfnisse aus der Region berücksichtigt.

Verfasser:in:
Marco Scafaro, Ortsbeiratsmitglied Zerpenschleuse, Heimat- und Kulturverein e. V.
