Schön oder nicht schön, bildet Reisen wirklich?

Ein kritischer Backpacker-Bericht: Eine Frage, die ich mir während meiner gesamten Reise öfter gestellt habe, beschäftigt mich auch jetzt noch: Ab wann ist es eigentlich ok, etwas nicht schön zu finden?

Sooooo Blau! Bildnachweis: Lauri

Der Höhepunkt:

Ich stehe auf einer Insel. Vor mir puderweißer, meterlanger Strand und türkisfarbenes Wasser. Auf dem Boot war es noch das tiefste Blau, das ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Es scheint die Sonne, Palmen sind der rettende Unterschlupf bei 33°C. Aber warum bin ich unzufrieden? Ich bin hier nicht allein, sondern umgeben von hunderten halbnackten Körpern, die auch einfach nur Urlaub machen wollen.

Zu den etwas bekleideteren Menschen gehört ein Mann, der eine riesige Echse über den Strand transportiert. Kann die nicht selbst laufen? Doch. Kann sie. Aber sie darf nicht. Sie ist nämlich Einnahmequelle Nr. 1 des werten Herrn und wahrscheinlich das am häufigsten unfreiwillig fotografierte Tier der Isla Mujeres in Mexico, neben dem Lemuren auf dem Arm des zweiten Mannes, versteht sich. Sind die hier überhaupt heimisch??? Die beiden Tiere teilen ungewollt dasselbe Schicksal.

Schaue ich weiter, verschwindet der schöne weiße Strand unter einem Meer aus Liegen und Sonnenschirmen. Ich laufe 20min, um mir einen Platz im Sand zu suchen, der keine 30 Dollar kostet. Handtuch ausgebreitet, hingelegt, nach oben an den Palmen vorbei in den blauen – und menschenleeren – Himmel schauen.

Darf ich überhaupt enttäuscht sein?

Außer den hunderten Menschen um mich herum haben doch echt wenige Menschen auf der Welt das Privileg, diese blaue Farbe des Wassers zu Gesicht zu bekommen. Ich kann mich glücklich schätzen, hier sein zu dürfen. Das bin ich auch, denke ich mir. Aber auf die Menschen bin ich trotzdem sauer. Oder gleich auf das gesamte System! Ja genau! Das System ist das Problem!

Wie kann man so einen schönen Ort so misshandeln??? Müll, Menschenmassen, kein einziges Tier (zumindest keins, was sich noch freiwillig hier aufhält) und an jeder Ecke kannst du Geld bezahlen für einen Dienst, den du eigentlich nicht brauchst.

Ich bleibe weiter in Gedanken, mache mein Ding, fühle mich weitestgehend okay. Es ist schön hier.

 

…Zeitsprung…

8:30 Uhr morgens, Chichén Itzá, die Ruinenstadt ist eines der neuen sieben Weltwunder. Noch ist es leer, doch die Leute machen sich bereit: Während wir uns die riesige Pyramide angucken, bauen Händler ihre Stände auf.

Während die Stadt um diese Zeit noch fast friedlich anmutet, sieht es um 10:30 Uhr schon ganz anders aus. Der idyllische Weg durch den Urwald verwandelt sich in eine Shoppingmeile: „cheaper price!“ „One Dollar, One Dollar!“, „special price, special price“.

Ich seufze. In den letzten neun Monaten waren Cedrik und ich die meiste Zeit für uns, wir waren an Orten, wo niemand war. Wir waren an Orten, die auch niemand unbedingt sehen wollte. Das war toll.

Das ist für mich auch ein Teil des Backpacker-Daseins: In Patagonien nackig in einen Fluss springen. Alleine. Oder dieser Berg in Peru mitten in der Wüste, den wir erklommen haben. Ich weiß nicht mehr, wie er hieß, ich weiß nicht mehr, warum wir da eigentlich hochgeklettert sind, aber ich habe durchweg gegrinst.

Cedrik am Strand, weil man hier nicht baden kann, ist es angenehm verlassen. Bildnachweis: Lauri
Laura am Strand, weil man hier nicht baden kann, ist es angenehm verlassen. Bildnachweis: Lauri
Bildnachweis: Lauri

Trotzdem: Ich bin immer noch unfassbar glücklich, hier zu sein.

Ich habe mich bewusst dafür entschieden, nach Mexiko weiterzureisen. Alleine für die Tacos!! Das Land gibt uns viel, so wie es jedes Land auf seine eigene Weise getan hat.

Ich bin nur so sauer auf diese touristische Ausbeutung des Naturraums, obwohl ich in gewisser Weise selbst Teil davon bin.

Ich bin so enttäuscht, dass all die Urlauber:innen den Quatsch mitmachen und das echte Mexiko verpassen! Dass sie nicht einmal versuchen, die Landessprache zu sprechen.

Ich bin traurig, weil das überall auf der Welt passiert.

Und gleichzeitig will ich nicht undankbar sein.

Die Einheimischen können am wenigsten etwas dafür, dass diese schweren Geschäftsleute ihre Hotelketten und damit Tourist:innen in Massen hierher transportiert haben.

Die Frage kommt wieder auf:

Darf ich diese Orte auch nicht schön finden?

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