Zeitzeuge: „Denk mal, wie und was damals war!?“

Denkmalsschutz in Basdorf ist oft Thema, wenn sich Alteingesessene treffen und über „früher“ reden. So also auch beim Thema „Basdorfer Gärten heute“ und „Aufbauhof früher“. In der Broschüre „Ein Spaziergang durch die Geschichte eines Barnimer Dorfes“ von Astrid Schäfer findet der Aufbauhof kurz Erwähnung, auch im Amtsblatt Wandlitz von 2014 wird die wechselvolle Geschichte der Basdorfer Gärten in dem Beitrag „Wer die Zukunft plant, stößt auf Spuren der Vergangenheit“ von Dr. Claudia Schmid-Rathjen beleuchtet. Für die Zeit nach dem Kriegsende von 1945 bis 1955 gibt es wenig Informationen, die der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen.

Persönliche Erinnerungen

Darum möchte ich mit meinen persönlichen Erinnerungen erzählen, wie es vor nunmehr 77 Jahren im Aufbauhof aussah. Ich wohne seit 1942 in Basdorf, 1948 wurde ich in der neuen Schule in den Baracken eingeschult. Durch die aktive Rolle meines Vaters, Eugen Franz, beim Aufbau war ich gut informiert und interessierte mich für vieles, was zum Teil bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Das heutige Gelände der Basdorfer Gärten wurde nach der Auflösung des Zwangsarbeiterlagers für den Aufbau der zerstörten Infrastruktur in Basdorf durch die SMAD (Sowjetische Militäradministration in Deutschland) zur Verfügung gestellt. Es wurde ein Verwaltungs-, Gewerbe- und Bildungsstandort geplant. Unsere Mütter und Väter krempelten die Ärmel hoch und fingen „auf die eigene Kraft vertrauend“ an, für Lohn und Brot auf unterschiedlichste Art und Weise zu arbeiten. Es gab für die sowjetisch besetzte Zone keinen Marshallplan, der Osten Deutschlands trug die Hauptlast der Reparationsleistungen gegenüber der Sowjetunion und Polen.

 

BRAMO und ZÜMO

Die gesamte Technik der BRAMO (Brandenburgische Motorenwerke) und ZÜMO (Zühlsdorfer Motorenwerke) wurde abgebaut und als Reparationsleistung gen Osten verfrachtet, bevor das Werk laut Potsdamer Abkommen gesprengt wurde. Übrig blieben Trümmer, unter denen sich jedoch brauchbares Material für kleinere Gewerbeausrüstungen befand. Ca. 5000 Beschäftigte der beiden Werke hatten ihre Arbeit verloren. Ein Teil ging in die Herkunftsländer wie Bayern oder nach Norddeutschland zurück, einige wenige hochqualifizierte Ingenieure und Facharbeiter wurden für mehrere Jahre in die stark zerstörte sowjetische Industrie zur Wiedergutmachung verpflichtet, einige in Basdorf und Nachbarorten ansässige Fachleute blieben. Alle suchten Arbeit, es war eine sehr schwere Zeit für unsere Eltern und auch für uns Kinder. Es gab jedoch einen großen Aufbauwillen und Hoffnung auf ein „Nie wieder!“ Darum ist es auch wichtig, bei der Diskussion um diese Baracken, an die Zeit des Aufbaus zu erinnern, die zum Teil unter sehr primitiven Bedingungen begann. Ein sofort nach dem Krieg gebildetes antifaschistisch-demokratisches Bündnis nahm die Geschicke in die Hand und plante unter Aufsicht der sowjetischen Besatzungsmacht die wichtigsten Schritte zur Herstellung eines gesellschaftlichen Lebens. Folgende Dinge wurden ganz oben auf die Prioritätenliste der Maßnahmen gesetzt: Schaffung einer Gemeindeverwaltung, einer Grund- und Berufsschule, eines Kindergartens und von Einrichtungen für die Versorgung der Bevölkerung.

Bildnachweis: Hartmut Franz

Belegschaft der Kleinmechanik Eugen Franz, Vater des Autors, 1947

Bildnachweis: Hartmut Franz

Aufbauhof 1952, Gerda und Eugen Franz bei der Arbeit, Eltern des Autors

Gehungert, gehamstert, geschoben und verschoben

In dieser Zeit wurde gehungert, gehamstert, geschoben und verschoben. Es mussten Bedingungen für den Erwerb des Lebensnotwendigsten geschaffen werden. Sehr schnell und unbürokratisch erfolgte die Freistellung von Baracken für die Ausübung von kleinen Gewerben. Als erste notwendige Maßnahmen wurde der volkseigene Erfassungs- und Aufkaufbetrieb für landwirtschaftliche Produkte (VEAB) errichtet sowie der Lebensmittelladen der Familie Rünger, dann als Feierabendtreff die Gaststätte „Volkshaus“ und die Poststelle (Frau Ruth) wurde geschaffen, wo ein Telefon und ein Fernschreiber für die Bevölkerung zur Verfügung standen.

 

Findige Köpfe waren in dieser Zeit zur Stelle, aus den Trümmern der BRAMO/ZÜMO wurden Schrottteile geborgen, zu funktionierenden Maschinen zusammengebaut und eine vorerst primitive Produktion wichtiger Dinge des täglichen Bedarfs realisiert. In der Kleinmechanik von Eugen Franz erfolgte die Herstellung von Küchen- und Haushaltsbedarf, Kinderbetten, Laufgittern, Kinderspielzeug (alles aus Holz) u.v.m.. Pillendreher und Präzisionswaagen für Apotheken wurden an Apotheken in Ostdeutschland geliefert. Später erfolgte die Serienfertigung von Kleinteilen für volkseigene Großbetriebe in Berlin. Bei der Firma Bufe wurden Stahlhelme zu Kochtöpfen umgeformt und anderes Kriegsgerät konvertiert. Alte Fahrräder wurden bei Radzke und Radios bei Klausing repariert. Tischler Müller hatte Hochkonjunktur, Holz war der dominante Werkstoff. Zum Betrieb vieler Autos wurde Holz für die Holzvergaser benötigt, die im Volksmund „Rotzkocher“ hießen, das die Firma Kania auch für LKWs vertrieb und auch Holz- und Kohlehandel Benndorf lieferte seine Heizmaterialien so aus. Es entstand die Likörfabrik Firma König, später Meldekorn. Bei fast allen hier genannten Gewerbetreibenden wurden Arbeitsplätze vor allen Dingen für Frauen geschaffen, deren Männer im Krieg gefallen oder in Gefangenschaft geraten waren.

 

Die Bürgermeister Thieme, ́Hube und Linne hatten die Verwaltung im Aufbauhof und regierten von dort aus. Drogerie Pirch verkaufte Artikel der Hygiene und der Naturapotheke. Frau Rinne eröffnete einen Buchladen. Die drei Baracken rechts hinter der Sporthalle wurden 1946 zur Grund- und Berufsschule umfunktioniert. In der Schule unterrichteten die Lehrer Albrecht, Schöneich, Schwalbe, Rückert und Röbbelen. Sportunterricht, Handballturniere und andere Veranstaltungen fanden im Kasino in der heutigen Polizeisporthalle statt. Dort gab es später auch Schulspeisungen: Ich erinnere mich an Roggenbrötchen mit Pflaumenmus. Fast alle Lehrer waren Neulinge, aufgrund ihrer durch Krieg und Not geprägten Erfahrungen haben sie uns mit Herz und Verstand eine Schule des Lebens vermittelt. Sie qualifizierten zukünftige Facharbeiter, sogar drei spätere Hochschulprofessoren der Physik waren in dieser Schule.

 

So nahm das Leben nach dem Krieg wieder volle Fahrt auf. Mir scheint es wichtig, an die aktiven Menschen dieser Zeit auch namentlich zu erinnern. Diese Menschen sorgten dafür, dass es weiterging und dass die Wunden des Krieges heilen konnten. In den zukünftig zu renovierenden Baracken sollte es eine Erinnerungskultur an die vergangene Zeit geben: Baubeginn des Fremdarbeiterlagers (1941), Aufbauhof (1945 bis 1954), Bereitschaftspolizei (1955 bis 1990) und die Landespolizeischule (1990 bis 2006). Mit dem bloßem Abriss von Gebäuden fördert man „Geschichtsvergessenheit“, wir sollten aber die Geschichte nicht vergessen, wenn wir die Zukunft bewältigen wollen. Es liegt ein gutes neues Konzept für die Basdorfer Gärten vor, das uns aber auch daran erinnern sollte, wie schwer der Weg bis hierher war.




Verfasser:in:
Hartmut Franz, Basdorf

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