Melanie spricht über Bücher: Königin Esther

John Irving – Königin Esther vom Diogenes Verlag, 560 Seiten, 32 Euro

Irving ist das Trauma meiner Studentenzeit. Schon damals hatte ich das Gefühl in Sachen Buch der Zeit immer hinterherzurennen. Ich hatte noch so gut wie keine Klassiker gelesen oder Filme gesehen. Also holte ich Casablanca nach und las „Garp und wie er die Welt sah“ von John Irving. Und an einer ganz bestimmten Stelle, diejenigen, die es gelesen haben, wissen welche, musste ich gegen den Brechreiz kämpfen und die Straßenbahn verfrüht verlassen.  Irving stand danach nicht mehr auf meiner Leseliste. Ich bin darüber sehr froh, so kann ich heute, wesentlich belesener, ohne Eile alle Bücher von ihm nachholen. Sie sind in meinen reiferen Augen nämlich grandios. Nachdem ich dem Buch „Der letzte Sessellift“ aus dem letzten Jahr verfallen war, habe ich drei ältere Bücher von ihm gelesen und mir das aktuelle für die Reise aufgehoben. Ich lese Bücher nicht mehrmals. Bei diesem könnte es aber passieren.

Warum jetzt doch Irving

Seine Charaktere sind immer etwas verschroben, liebenswert, nein, zum Verlieben und entsprechen keiner Norm. Wir begleiten in der Regel eine Familie oder diejenigen, die zu sowas wie eine Familie geworden sind und erleben ihren Alltag über einen gewissen Zeitraum. Und wenn wir diesen wieder verlassen müssen, weil einfach keine Seite mehr am Ende des Buches übrig ist, bleibt zumindest bei mir eine Traurigkeit zurück. Ich will diese Menschen noch nicht verlassen müssen. Außerdem kann man sich darauf verlassen, dass mindestens ein Bär und oder ein Zirkus, sowie ein kleiner Mensch und auch ein gleichgeschlechtliches Paar vorkommen und es geht sicher auch ums Ringen.

 

In Königin Esther adoptiert ein Paar aus New Hampshire grundsätzlich nur jugendliche Mädchen, um sie davor zu bewahren, Mündel des Staates zu werden. Im Dorf sind sie Gesprächsthema Nr.1. Besonders neidet man Ihnen, dass sie alle in Eintracht zusammenleben. Das letzte Adoptivkind ist Esther. Sie wurde als 3-jährige im Kinderheim St. Clouds abgegeben (das ist das Kinderheim aus „Gottes Werk und Teufels Beitrag“) und war damals schon sehr besonders. Mit 15 Jahren kommt sie nun zu den Winslows. Was Esther am Herzen liegt, ist ihren Wurzel nachzugehen und eine richtige Jüdin zu werden. Dieser Weg führt sie zwangsläufig irgendwann nach Israel und von dort wacht sie aus dem Untergrund heraus über die Familie. Was genau sie dort tut, bleibt ein Rätsel, es gibt aber jede Menge Vermutungen.

 

Das Ganze beginnt in den 20er Jahren und zieht sich über ca. 60 Jahre. Ein großer Teil des Buches spielt in Wien. Dorthin wird ihr Sohn James oder auch Jimmy als Jugendlicher geschickt, um dort deutsch zu lernen. Er ist bis zu diesem Zeitpunkt bei Honor aufgewachsen, die aber auch seine Mutter ist. Um das und die Beziehungen der vielen anderen Mütter zu den verschiedenen Kindern zu verstehen, muss man das Buch lesen. Es ist definitiv eine besondere Familienkonstellation aber genau die Selbstverständlichkeit, mit der dieses Leben dort geführt wird, macht die Schreibweise von John Irving aus. Wir lernen einen wilden Haufen verschiedener Persönlichkeiten kennen, einen Schäferhund, der Angst vor Gewitter hat, verfolgen die Entscheidung, ob Verstümmeln oder alleinerziehender Vater werden vor dem Militärdienst rettet und am Ende sind wir auch noch Charles Dickens Fans, wenn wir es nicht schon waren.

Das Buch wurde oft kritisiert, es würde der rote Faden fehlen und es sei überstürzt auf den Markt gebracht worden, weil es die Israelproblematik beinhaltet und gerade gepasst hat. Ich finde das nicht. Ich brauche keinen roten Faden, wenn mich die Figuren interessieren. Es gibt nicht eine Geschichte, sondern viele kleine zu verschiedenen Lebenswegen und jede hat ihre Berechtigung im Buch. Vielleicht hat er es diesmal mit Hintergrundinformationen zum Judentum etwas übertrieben, aber dazu kann ich nur sagen: Das hat mich jetzt nicht dümmer gemacht. Bär und Zirkus haben diesmal leider gefehlt.

 

Wer Irving liebt, wird auch dieses Buch ins Herz schließen und ich lese jetzt endlich „Große Erwartungen“ von Charles Dickens.

Unterstützung

Eine Reisekostenspende wird gern per paypal CharlieBrownOnTour@gmail.com angenommen. Das Restguthaben wird nach der Rückkehr in das neue Buchhandlungscafè investiert.

 

‎Folge dem Kanal Buchhandlung Wandlitz auf Reisen auf WhatsApp!

Königin Esther, John Irving, Diogenes Verlag



Verfasser:in:
Melanie Brauchler, ich lebe Bücher auch von unterwegs

Externe Links zum Artikel:
https://whatsapp.com/channel/0029Vb7FpfQ1dAw7EYx9Ra32

Abonnieren Sie den

W.Punkt-Newsletter

Immer auf dem Laufenden bleiben und direkt im eigenen Postfach.