Die Buchhändlerin geht erst einmal auf Reisen – Teil3
Mental zur Ruhe kommen, keine Chance – vom Buchhändlerpreis bis zur Jugendarbeit
Natürlich habe ich geahnt, dass ich auch während meiner Reise nicht wirklich abschalten kann. Der Rückabwicklungsberg des Ladens ist noch nicht abgetragen, die Vorbereitungen für das neue Ladengeschäft laufen erst an und die für mich wichtigen Dinge, die sonst so in Wandlitz passieren, beschäftigen mich natürlich auch.
Die Freude über den nachträglich gewonnenen Buchhandlungspreis (Anm. der Redaktion: alle Achtung und Glückwunsch!) wollte ich mitnehmen, ohne ahnen zu können, wieviel Zeit ich mit dem Unsinn der Aberkennung des Preises für drei der ausgewählten Buchhandlungen wegen des Verdachts auf linksextreme Elemente und der Absage der Verleihungsveranstaltung noch verbringen werde. Mein Ungerechtigkeitssensor springt schnell an, ich neige jedoch nicht dazu, sofort blind zu handeln. Fakten checken, dann nachdenken, besprechen, abwägen und dann aber schleunigst handeln. So habe ich die letzten Tage in Zoommeetings mit anderen Buchhandlungen verbracht, mich mit meiner eigentlich geplanten Vertretungsgruppe für die Übergabe des Preises auf der Buchmesse ausgetauscht, Protestshirts für sie geordert und nach Wandlitz schicken lassen und weil es sich gerade so ergibt, eine Freundin in eine der betroffenen Buchhandlungen geschickt.
Im Golden Shop in Bremen kann man einen Satiredruck zum Wahnsinn auf Spendenbasis erwerben. Damit will die Buchhandlung die Prozesskosten mitfinanzieren. Klingt nach ganz schön viel Aktionismus. Ja, stimmt! Als Antwort auf den oft geäußerten Satz, meist nicht einmal als Frage gesagt: „Was kann ich schon machen?“ Genau das! Ich sitze auf einem Campingplatz mitten in Irland fest und habe trotzdem nicht das Gefühl hilflos zu sein. Ich habe auch von hier aus, meine Unterschrift unter den offenen Brief von Wandlitz zeigt Haltung gegen die Suspendierung unserer Jugendarbeiterin Sylvia Swierkowski gesetzt. Mittlerweile hat sie die Kündigung erhalten. Ob im Großen oder im gefühlten Kleinen. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, sowie unsere Amtsleiterin im Amt für Bildung, Jugend und Sport Frau Daniela Meyer-Kuntzsch sind fest davon überzeugt, richtig gehandelt zu haben. Dienst nach Vorschrift, bedeutet vielleicht Recht zu haben, das bedeutet aber nicht automatisch richtig gehandelt zu haben. Die Auswirkungen dieser Entscheidungen werden wir erst in der Zukunft sehen.
Herr Weimer wird noch viel ruinieren, bis auch er nicht mehr vom Bundeskanzler gehalten werden kann und Wandlitz hat eine große Chance verpasst. Sylvia ist anders. Definitiv! Sylvia macht ihre Arbeit ungewohnt. Unverkennbar! Sylvia schafft Begeisterung. Wie wunderbar! Sylvia hat ein Feuer unter den Jugendlichen entfacht, das jetzt leider nur noch auf kleiner Flamme brennt. In einem Alter, in dem alles auf sie hereinbricht, Einflüsse von allen Seiten richtungsweisend sein können, hat sie unabhängig jeglicher Gesinnung geschafft, diese für gemeinsamen Aktionen zu begeistern und so eine vertrauensvolle Beziehung aufgebaut. Und dabei ist der tatsächliche Abgrund, in dem sich vieler unserer Kinder und Jugendlichen in der Gemeinde bereits befinden, auf erschreckende Weise schnell zu Tage gekommen. Der Prozess, um diesen tollen Kindern zu helfen, hatte gerade erst begonnen. Diese Kids haben jetzt wieder den Rückzug angetreten. Das tiefste Innere öffnet man nun mal nicht Jedem.
Und der Herr Weimer bringt mich auch täglich zum Nachdenken. Ich habe von hier aus der MOZ ein Interview gegeben. Im darauffolgenden Artikel las ich, dass mehrere Buchhandlungen sich dazu nicht äußern wollten. Nicht jeder muss seinen Senf zu allem dazu geben. Aber das hier, das betrifft doch unsere Zukunft. Unabhängig von diesem Preis, ist die Tatsache, dass Buchhandlungen vom Verfassungsschutz beobachtet werden, doch schon verrückt genug. Was heißt das?
Ich höre aktuell das neue Hörbuch von Marc-Uwe Kling „Die Känguru-Rebellion“. Jeder zweite Satz des Kängurus kann als linksextrem bezeichnet werden. Allein der Titel des Buches ist schon ein Aufruf gegen das aktuelle System. Darf ich dann in Zukunft nur noch Strandlektüre und Kochbücher verkaufen. Muss ich mit Polizeieinsatz rechnen, wenn ich eine gesellschaftskritische Lesung veranstalte? „Naja, soweit sind wir noch nicht.“ Doch! Mit dem Ausschluss der drei Buchhandlungen sind wir so weit. Und ob wir den Preis überhaupt bekommen, steht auch noch in den Sternen. Ich habe da so eine Mail von einem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien bekommen. Ergebnis noch ausstehend…

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Verfasser:in:
Melanie Brauchler, ich lebe Bücher auch von unterwegs und höre nicht auf, zu denken.
