Glück in Wandlitz: Sucht und Drogenkonsum von Cannabis in der Gemeinde

Wo in Wandlitz Drogen gehandelt werden, wie Wirkung und Risiken von Cannabiskonsum zu bewerten sind und was die Legalisierung von Cannabis bringt. Gedanken und Einschätzungen von Stefan Böhmer, Geschäftsstelle Hiram Haus, Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe Berlin Brandenburg

Bildnachweis: acrobaat

Verfügbarkeit von Drogen in der Gemeinde Wandlitz

 

„Ja klar“, sagt die junge Frau, „im Prinzip überall und zu jeder Zeit“. Sie schaut ein wenig unschlüssig drein. Wie soll sie auf die Frage antworten, ob man in Wandlitz Drogen kaufen kann? „In Zerpenschleuse wird es ein bisschen schwieriger, aber auch dort bekommt man im Prinzip alles. Falls es mal einen Engpass gibt, dann eben über das Netz. Kommt als Päckchen mit DHL direkt nach Hause. Es gibt Dealer – Wohnungen in Basdorf und Klosterfelde, eigentlich überall. Keiner muss nach Berlin fahren, hier gibt es alles“.

 

Drogen in Wandlitz? Im Park vor dem Seerestaurant, vor dem Bahnhof und in Wohnungen über das gesamte Gemeindegebiet verteilt! Alle Arten von sog. „weichen Drogen“ und auch harte Drogen mit erheblichem Suchtpotenzial können in Wandlitz erworben werden.

 

Im September dieses Jahres wurde in Wandlitz in der Thälmannstraße das Einfamilienhaus durch Spezialkräfte der Polizei gestürmt, weil dort ein schwungvoller Handel mit Drogen lief. Wer an lauen Sommerabenden am Seeufer entlang flaniert, kann es auch riechen. Über Trauben junger Menschen steigt der charakteristische Geruch auf. Er verweht sich träge über die Uferwege. Ein bisschen Musik, ausgelassenes Lachen, ein entspanntes Miteinander. „Is doch nichts dabei“, sagt die junge Frau, „machen doch alle. Hier kifft jeder. Der Penner, der Polizist, der Bauarbeiter, die Lehrerin, meine Freunde. Kiffen ist gesünder als Saufen! Man kann sich nicht totkiffen. Totgesoffen haben sich schon viele! Is doch so …“. Hat die junge Frau am Seeufer recht? Ist es besser, zu kiffen als zu saufen?

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Nun könnte man meinen, beim Drogenmissbrauch handele es sich um ein Randphänomen. Aber der Drogenbericht der Bundesregierung (2021) klärt auf:  Jede*r vierte Jugendliche konsumiert Cannabisprodukte.

 

Es scheint eine tief verwurzelte Tatsache zu sein: Wer den Rausch sucht, der findet ihn.

 

Dies bestätigen ja auch die Erfahrungen mit der Prohibition (Verbot von Alkohol) in den 20er Jahren: Das Agieren in der Illegalität kriminalisierte weite Bevölkerungsgruppen und verhalf der Mafia zu gigantischen Gewinnen. Konsum lässt sich nicht durch Strafandrohung verhindern. Und weit mehr: Es scheint heute so zu sein, dass die Auseinandersetzung mit Drogen (und Alkohol) als Teil des normalen Reifungsprozesses von Jugendlichen dazugehört. Alle jungen Erwachsenen kommen heutzutage mit Drogen in Berührung. Es kann also nicht darum gehen, sie davor zu beschützen! Drogen sind allgegenwärtig: auf Partys, in Clubs, am See und bei Freunden. Wie sollte also angesichts dieser Allgegenwärtigkeit von Drogen ein Schutz funktionieren?

 

Fachleute warnen daher vor einer unangebrachten Verteufelung. Niemand, der Cannabis konsumiert, wird automatisch heroinabhängig oder greift dadurch zu härteren Drogen. Wer dies behauptet, macht sich in den Augen der meist jugendlichen Konsumenten unglaubwürdig und lächerlich. Gelegentlicher Konsum (nach Paracelsus macht bekanntlich „die Dosis das Gift“) scheint nach bisherigem Kenntnisstand ungefährlich zu sein.

 

Worum es aber geht, ist die Widerstandsfähigkeit der jungen Menschen gegen die Verführungen zu stärken. Wissenschaftler sprechen hier von Resilienz. Sie verweisen damit auf die Eigenregulation der jungen Menschen, die gestärkt werden sollte. Junge Menschen gelangen aufgrund von selbst erlebten, unerwünschten Wirkungen zur Einsicht, dass jeglicher berauschender Substanzkonsum einen hohen Preis fordert. Und sie entscheiden, ob und wann sie bereit sind, diesen Preis zu zahlen. Hier geht es also weniger um Verbote, als um Prävention, um Stärkung der Autonomie und der Urteilsfähigkeit.

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Wirkung und Risiken von Cannabiskonsum

 

Wer um die gesundheitlichen Folgeschäden besorgt ist, berührt einen wunden Punkt. Langzeitkiffer leiden beispielsweise oft unter Depressionen, Zwanghaftigkeit, Einengung der sozialen Bezüge. Doch wie verhält es sich bei Langzeittrinkern? Ist eine legale Droge wie Alkohol nur deswegen ungefährlicher, weil ihr Konsum nicht bestraft wird? Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. berichtet von ca. 2 Mio. alkoholkranken Menschen. Alkoholsucht führt unbehandelt zu einem jämmerlichen Tode! Wer stirbt vom Kiffen?

 

Ungemach droht aber von einer ganz anderen Seite, denn die Verbreitung synthetischer Cannabinoide nimmt zu. Der Anteil der rauscherzeugenden Wirkstoffe (v.a. THC, Delta-9-Tetrahydrocannabinol) in natürlich produzierten Cannabisprodukten hat sich in den letzten Jahren verdoppelt bis verdreifacht. Außerdem kamen vor etwa 10 Jahren die ersten synthetischen Cannabinoide auf den Markt. Es sind im Labor erzeugte, künstliche Substanzen, einfach und billig in ihrer Herstellung. Ihr Wirkungsgrad übersteigt den der natürlichen Cannabisprodukte bis zum Faktor 300.

 

Synthetische Cannabinoide werden ähnlich wie die natürlichen konsumiert. Sie fluten in bisher ungekanntem Ausmaß (mit bis zu 300 -facher Intensität) das Gehirn. Durch ihre Wucht degenerieren die sensiblen Rezeptorstrukturen. Die komplexen, neurophysiologischen Stoffwechselprozesse werden tiefgreifend und z.T. unwiederbringlich gestört und zerstört. Langanhaltende Depressionen mit z.T. schweren Verläufen und andere chronisch psychische Erkrankungen (Angst- und Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen) treten unerwartet schnell und gehäuft auf. Cannabis- und drogeninduzierte Psychosen (wahnhaft – paranoid) nehmen seit Jahren zu und gehören in der Akutpsychiatrie mancher Krankenhäuser zum Alltagsgeschäft.

 

Menschen, die davon betroffen sind, werden dadurch schwerbehindert. Sie sind oft über Jahre hinaus zur eigenständigen Haushaltführung nicht mehr in der Lage. Sie benötigen über viele Jahre Hilfen bei der Alltagsbewältigung, der Tagesstrukturierung und der Gestaltung von Beziehungen zu anderen Menschen. Sie sind oft nicht mehr in der Lage, einem Erwerbsleben nachzugehen. Sicherlich: Noch sind dies Extremfälle. Aber sie häufen sich. Und die Zahl der jungen Erwachsenen, die aufgrund von Drogenmissbrauch zu einem geregelten Tagesablauf nicht mehr in der Lage sind, nimmt seit Jahren stetig zu.

 

Der bereits existierende, legale Markt von CBD Produkten (Cannabidiol) wächst stark. Dies sind Produkte aus Cannabispflanzen ohne Rauschwirkung, die im jedem Drogeriehandel erhältlich sind. Es gibt einen Überschuss aus diesem Anbau, der im Wesentlichen aus Pflanzenresten besteht. Kriminelle nutzen diese Pflanzenreste und besprühen sie mit synthetischen, hundertfach stärkeren Cannabinoiden. Die Berichte mehren sich, dass weitere Substanzen wie Heroin, Blei, Glas zugesetzt werden. Das Ergebnis ist nicht von den herkömmlich angebauten, berauschenden Schwesterpflanzen zu unterscheiden. Kein Mensch kann beim Erwerb oder Konsum den Unterschied zu den „normalen“ Cannabispflanzen erkennen. Vom Konsum dieser Produkte droht eine bisher völlig unterschätzte Gefahr.

Debatte: Staatliche Kontrolle zum Schutz der Konsumenten?

Passend zu den obigen Ausführungen verändert sich gerade die politische Großwetterlage. FDP und Grüne, zwei Parteien, die an der nächsten Bundesregierung beteiligt sein werden, fordern in ihren Wahlprogrammen eine weitgehende Toleranz bzw. Legalisierung von Cannabisprodukten. Es ist ein weltweiter Trend, dem Deutschland folgen wird, denn in Teilen der USA, Kanadas, Uruguays, Spaniens, der Niederlande und Portugals ist der Konsum von Cannabisprodukten faktisch bereits legalisiert!

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Werden wir also bald Cannabisprodukte in Wandlitz, im gut sortierten Fachhandel, kaufen können?

 

Wer die bisherige Entwicklung, die auf Verbote und Strafverfolgung abzielt, nüchtern betrachtet, kommt um eine Feststellung nicht herum: Die bisherige Strategie führte nicht zum Erfolg. Die Zahl der jugendlichen Erstkonsumenten steigt seit Jahren kontinuierlich an, auch der Anteil der Menschen, die regelmäßig konsumieren. Wie also mit dem Phänomen des verbotenen, aber weit verbreiteten Konsums umgehen? Hauptargument gegen eine Legalisierung ist der Verweis auf Gesundheitsgefahren, wie z.B. Langzeitfolgen des Cannabiskonsums. Ein weiteres Argument zielt auf die Funktion des Staates als Dealer.

Wer die z.T. jungen Konsumenten wirklich schützen will, sollte sich die Frage stellen, ob es nicht besser wäre, diesen Markt staatlich zu kontrollieren?

 

Aus dieser Perspektive würden die Legalisierungsinitiativen von FDP und Grünen Sinn ergeben: Es ist klüger, angesichts des weitverbreiteten Konsums von Cannabisprodukten, den Anbau und die Abgabe staatlich zu kontrollieren, zu besteuern und die Konsumenten zu schützen! Der organisierten Kriminalität können auf diese Weise ihre Milliardengewinne entzogen werden! Mit dem Steueraufkommen aus dem Verkauf von Cannabisprodukten (die FDP rechnet mit Steuereinnahmen von 1 Milliarde Euro) könnten Menschen vor schweren Folgeschäden geschützt werden. Dem öffentlichen Gesundheitswesen stünden erhebliche Geldmittel für Prävention und wirksame Hilfen zur Verfügung. Der Bund der Kriminalbeamten (BDK) tritt für eine Entkriminalisierung ein, der Bernauer Jugendrichter Andreas Müller setzt sich schon lange für ein besseres Jugendstrafrecht ein und gilt als  Verfechter der Legalisierung von Cannabis. Viele Verfahren würden entfallen und eine Fokussierung auf schwerwiegendere Delikte könnte erfolgen.

 

FDP und Grüne verfolgen mit der Legalisierungsdebatte genau diese Ziele. Die Zeit ist reif, darüber ernsthaft zu diskutieren!




Verfasser:in:
Stefan Böhmer, Geschäftsstelle Hiram Haus, Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe Berlin Brandenburg

Anmerkungen der Redaktion:
*der Name wurde von der Redaktion geändert

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