Die Buchhändlerin geht erst einmal auf Reisen – Teil4
Gestrandet in Graiguenamanagh - Das Leben ist eins der Merkwürdigsten.
Am späten Nachmittag vor der Überfahrt von England nach Irland wurden wir von einem Wohnmobil bei voller Fahrt gestreift. Der Fahrer stoppte kurz, fuhr dann aber frevlicherweise weiter. Eingebüßt haben wir dabei nur den rechten Seitenspiegel, der Schreck saß aber tief in der Herzfrequenz. Während ich also auf dem nächstgelegenen Parkplatz auf einem Hügel in der steppenartigen Küstenregion Südenglands meine Optionen bezüglich der Situation durchdachte und Snoopys Schockzustand sich langsam entspannte, drang ein tiefes Knurren aus ihrer Kehle. Der Grund dafür war atemberaubend. Gelesen hatte ich davon, aber nicht damit gerechnet. Aus einiger Entfernung trabte eine große Gruppe Wildpferde auf uns zu. Kurze Zeit später kam ein Sturm und Regen auf. Wir saßen im Van, durchgerüttelt von den Naturgewalten, umgeben von sich gegenseitig Schutz bietenden Wildpferden. Irreal, aber ein vermisster Spiegel ist danach vollkommen unwichtig.
Nach einer sehr unruhigen Nacht auf der Fähre sollte unser erster Stopp entlang der Südküste an einem 800 Jahre alten Leuchtturm sein, direkt daneben laut App eine Parkmöglichkeit zum Übernachten. Starker Wind und Sonne und ein standhafter Leuchtturm. Wir waren nicht standhaft, mitten in der Nacht Umzug zu einer anderen Bucht mit halb so viel Angriffsmöglichkeit. Trotz festem Boden unter den Rädern war das Gefühl wie auf einem schaukelnden Schiff.



Exot in <gräigna manna>
Ob die salzige Seeluft oder die bergige Landschaft meinen Bremsen ein Ende gesetzt hat, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Am nächsten Tag blockierten jedenfalls meine Hinterräder und wir konnten uns gerade noch quietschend und heiß gelaufen auf den Campingplatz in Graiguenamanagh schleppen. Bis zur Abfahrt hatte ich die Aussprache dann drauf. So ähnlich wie <gräigna manna>. Der Besuch in der zufällig ausgewählten Werkstatt ergab eine Überraschung. Die Besitzer heißen Jürgen und Stefan und sprechen sehr gut deutsch. Ihr Vater ist nach dem Mauerbau aus Sachsen-Anhalt geflüchtet, zunächst in Hameln gelandet und bei einem Angelausflug in Irland seiner Liebe begegnet und geblieben. Das machte die Kommunikation zwar leichter, die Reparatur musste aber noch fast 2 Wochen warten. Keine Kapazität, St. Patricks Day und ein Spiegel musste ja auch noch besorgt werden. Obwohl der Campingplatz komplett ausgebucht war, wurde ein traumhaftes Fleckchen für uns gefunden.
Mit einem deutschen Kennzeichen sind wir hier der Exot und werden oft angesprochen. So auch durch Denis. Er lud mich auf einen Kaffee ein und wir erzählten uns kurz gegenseitig einen Teil unserer Lebensgeschichte und bevor ich mich versah, war ich quasi adoptiert. Denis kümmerte sich um einen gebrauchten Spiegel und baute ihn mir auch an. Vor seinem Lebensabend arbeitete er in Amerika im Flugzeugbau und später für Amazon. In der Nähe von Dublin hat er ein Hausboot selbst gebaut und lebt dort die meiste Zeit des Jahres mit seiner Frau. Seit einigen Jahren schreibt er an seinen Memoiren. Meine Bücherleidenschaft hat ihm Antrieb und Inspiration gegeben, damit weiterzumachen. Gern geschehen. Wir sind weiterhin in Kontakt.
Da Snoopy und ich auf unbestimmte Zeit, den Campingplatz fahrenderweise nicht verlassen konnten, erkundeten wir weiträumig die Umgebung. Der liebevoll gepflegte Ort liegt am Fluss Barrow mit einem kleinen Hafen, umgeben von Wald und Feldern. Beim genauen Betrachten des Dorfes selbst stellte ich aber fest, dass fast jedes Geschäft leer stand. Einige Gebäude sind mit Beispielfolien (Schaufenster eines Buchladens) beklebt, die zumindest eine andere Atmosphäre suggerieren. Es gab lediglich noch einige Pubs, Bistros und mehrere Supermärkte. Das Zentrum ist die Kirche. Ich erfuhr, dass selbst die Supermärkte zur Coronazeit kurz vor dem Aus standen. Den Umschwung brachte die explodierende Wohnmobilkultur in dieser Zeit. Auf dem Grundstück des Outdoorladens direkt am Fluss entstand der Campingplatz Barrow Valley Activities Hub, der jährlich größer und komfortabler wurde. Durch ihn blüht der Ort wieder auf. Das Team organisiert viele Livekonzerte auf dem Platz, die St. Patricks Day Parade und stellt auch einen kleinen Raum für Veranstaltungen oder Yogagruppen zur Verfügung. Die Touristen sind wieder da und bringen die Wirtschaft so langsam wieder in Gang.



Literaturfest – Town of the books
Interessant war auch, dass jährlich im August ein Literaturfestival stattfindet – das Town of Books Festival. Dann werden die leeren Geschäfte für 3 Tage zu Popupstores. 25 unabhängige Buchhändler, Lesungen, Workshops, Künstler und natürlich Musik lassen den ganzen Ort an Land und im Wasser zu einem Muss für Büchernerds werden. So lange bleibe ich aber auf keinen Fall! Ein Grund wiederzukommen ist es definitiv. Wer meinen Status auf social media verfolgt, hat meine gesammelten Fotos zum Thema Hinweis- und Verbotsschilder zu Hundekot sehen können. Ich habe noch keinen Ort erlebt, der eine dermaßen hohe Anzahl an Schildern in verschiedensten Ausführungen vorweisen kann. Das Damoklesschwert schwenkt permanent über einem. Zum Glück sind die Menschen dort alles andere als hundeunfreundlich. Sie scheinen nur ein Problem in den Griff bekommen zu wollen. Spätestens als man mich schon namentlich auf der Straße grüßte, wurde es Zeit weiterzuziehen. Bei einer Übernachtung an einem kleinen Wasserfall lernte ich Sharon kennen. Sie betreut die mobile Sauna dort. Manchmal springt der Funke sofort über und so hatte ich kurzerhand eine Einladung zum Abendessen bei ihr Zuhause, eine medizinische Versorgung für mein angeknackstes Handgelenk, einen Übernachtungsplatz auf dem Grundstück ihrer Familie und eine Tarot Session mit vielsagenden Zukunftsaussichten. Mein Holzfäller springt da draußen also noch rum, ich darf mich ihm nur nicht verschließen. Was auch immer mir auf dieser Reise noch an Hindernissen begegnen wird, ich bin mir sicher, die Iren lassen mich auch weiterhin nicht im Stich.
Buchbesprechungen und Reiseberichte
Reisebericht Teil2 und Ken Follett – Stonehenge
Unterstützung
Eine Reisekostenspende wird gern per paypal CharlieBrownOnTour@gmail.com angenommen. Das Restguthaben wird nach der Rückkehr in das neue Buchhandlungscafè investiert.
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Verfasser:in:
Melanie Brauchler, ich lebe Bücher auch von unterwegs und habe Irland fest in mein Herz geschlossen.
